Durch das Land der Skipetaren

Albanien, lange einer meiner Sehnsuchtsorte, ist für mich untrennbar mit Karl May verbunden. Danke an den berühmtesten Sohn Hohenstein-Ernstthals! Jetzt wollte ich das Land der Skipetaren endlich bereisen.

Eine Radreise mit dem Biketeam zu einem der letzten Geheimnisse Europas, tief hinein in einen bergigen, in der kommunistischen Zeit von der Welt abgeschotteten Balkanstaat: Wie hatte er sich entwickelt? Darauf war ich sehr gespannt. Wie auch auf die wilde Gebirgslandschaften, die Pflanzen- und Tierwelt. – Hier nun kommt mein Tagebuch:

Tag 1. Tirana hat heute weit über 600.000 Einwohner – und damit etwa doppelt so viele wie unmittelbar nach Ende der Diktatur. Unser Guide Erald führt uns über den Skanderbeg-Platz mit der Oper, dem Kulturzentrum und der Nationalbibliothek, dem markanten Reiterstandbild Fürst Skanderbeg und der Et’hem-Bey-Moschee, die gegenwärtig restauriert wird.

Der Skanderberg-Platz ist dem albanischem Nationalhelden Skanderbeg gewidmet, der im 15. Jahrhundert gegen die Osmanen kämpfte. 

Wir kommen zu einem Park mit einem Stück der Berliner Mauer und kurz darauf zum Platz, der nach Mutter Teresa benannt ist. Die berühmte Heilige der katholischen Kirche ist albanischer Abstammung.

Tag 2. Am Ohrid-See. Mit dem Bus geht’s zum zweitgrößten See der Balkanhalbinsel, der zugleich als einer der ältesten der Erde gilt. Der Ohrid-See liegt zum größeren Teil in Nordmazedonien und ist ein beliebtes Urlaubsziel, Grund: Die hohe Lage (ca. 700 m) macht den Hochsommer hier etwas frischer und deshalb für viele erträglicher als am Meer. Und schön ist’s hier sowieso, umgeben von Bergen. Und noch eine Besonderheit: Im tiefen Wasser lebt die schmackhafte Ohridforelle.

Wir wollen den Ohrid-See mit dem Bike umrunden (ca. 70 km). Leider findet die Tour ohne mich statt, da mein Rad noch nicht angekommen ist. Ich mache dafür einen kleinen Spaziergang mit unserem Fahrer Rrahim in dem hübschen Touristenort Tushemisht. Es fängt an zu regnen, und wir werden von freundlichen Albanern zu Raki eingeladen. Übernachtung im 4 km entfernten Pogradec am See.

Tag 3. Von Pogradec nach Korça. Der Name „Korça“ sagt mir bereits etwas, denn so heißt auch das beliebteste Bier des Landes. Nun war ich gespannt, auch noch die gleichnamige Stadt kennenzulernen, die als „Wiege der albanischen Kultur“ gilt.

Kurz nach dem Start in Pogradec fängt es heftig an zu regnen, so dass wir uns in einer Autowerkstatt unterstellen müssen. Als sich das Wetter bessert, nehmen wir den einzigen Pass des Tages in Angriff und gelangen auf einer ruhigen Straße zu einer saftig-grünen Hochebene. Ein freundlicher Bauer lädt unsere Gruppe zu Raki und Kaffee in sein Haus ein – für mich ist es die zweite derartige Einladung an zwei Tagen!

Unser gemütliches Hotel in Korça ist eine ehemalige Karawanserei. Die sehr reizvolle Stadt auf ca. 900 Metern ü.M. hat viele Prachtbauten, geprägt u.a. von Osmanen und Franzosen. In einem breitangelegten Boulevard mit schattenspendenden Bäumen: die Schule Mësonjëtorja, in der ab 1887 muslimische und christliche Knaben gemeinsam unterrichtet wurden. Wenige Schritte weiter: die in den Jahren 1992–1995 erbaute Kathedrale der Auferstehung Christi, das größte Gotteshaus Albaniens. Die Vorgängerkathedrale war im Jahr 1967 von den Kommunisten zerstört worden. Unser Rundgang führt uns auch zur Mirahor-Moschee aus dem Jahr 1495, zweitältestes islamisches Gotteshaus Albaniens, und in das historische Basar-Viertel.
(ca. 50km/ 450Hm)

Tag 4. Von Korça nach Gërmenjë. Im Regen sagen wir Korça ade, und wir radeln in der nahen Bergwelt bergauf und bergab ins Gramoz-Bergmassiv im Germenj-Nationalpark. Völlig nurchnässt schrauben wir uns Serpentinen hinauf zum Barmash-Pass (1.159 m) und zum Guest House Germenji Jorgo (bei Gërmenjë). Kein Viersternehotel (das brauche ich eh nicht); dafür eine herzlich-urige Atmosphäre und vor allem hervorragende Speisen (!), darunter vorzügliches Lamm und ein in würzige Soße eingelegtes Schwein. Zum Nachtisch gibt’s selbsgebrannten Raki aus großzügig eingeschenkten Gläsern. (68 km / 1060 hm)

Tag 5. Von Gërmenjë nach Përmet. Bei herrlichem Sonnenschein genießen wir heute phantastische Aussichten, darunter zum Nemërçka-Bergstock, der hoch über dem Vjosa-Fluss thront, einem der wenigen naturbelassenen größeren Flüsse Europas. Nach dem Regen der letzten Tage kann ich mich kaum sattsehen: So schön bist Du also, Albanien, Land der Skipetaren!

Nach dem Mittagessen radeln wir zu den Thermalquellen von Bënja und erquicken uns an einem Bad im warmen Wasser in eindrucksvoller Bergkulisse. Direkt neben uns: die berühmte osmanische  Steinbrücke Ura e Kadiut aus dem Jahr 1760.

Unser Zielort ist Përmet, die Stadt der Blumen und des guten Essens. Und: „der schönen Aussichten“, will ich gerne ergänzen. Mit Stefan laufe ich zum Vjosa-Fluss und schaue auf den Mali i Dhëmbelit (2050 m), der sich hinter der Stadt erhebt. Ein alter Mann schenkt mir eine Blume, die ich mir ans Hemd klemme. Aber da ich sie jedoch morgen nicht mit aufs Rad nehmen kann, schenke ich sie bald einem anderen alten Mann, der sich herzlich bedankt. Auch andere Senioren haben haben jeweils eine Blume in der Hand. – Wirklich, die Stadt der Blumen!

Direkt am Flussufer ist eine Moschee und ein paar Schritte weiter ein freistehender, würfelförmiger Felsen, der Gur i Qytetit (Stadt-Stein). Eine Treppe führt uns hinauf. Oben: alte Mauerreste aus osmanischer Zeit. Unsre Blicke schweifen sehr weit… Eine tolle Abendstimmung. (77 km / 615 hm)

Tag 6. Von Përmet nach Gjirokastër. Saftige Wälder und Wiesen; Schäfer mit ihren Schafen; schroffe Berge und der sich windende Drino: die Kulisse ist auch heute berauschend!

Auf unserer ruhigen Fahrt begleiten wir den Drino-Fluss in die mehrere Kilometer breite Ebene Dropull. Hohe Gipfel umgeben sie: im Westen die Kette Mali i Gjerë, im Osten der Lunxhëria-Buretoja-Gebirgszug.

An einen der Berghänge schmiegt sich das historische Gjirokastër, Geburtsort des ehemaligen Diktators Enver Hoxha und UNESCO-Welterbe; unser heutiges Tagesziel nach insgesamt 63 km.

Eine Stadt wie aus Tausendundeine Nacht. Eine der ältesten Städte Albaniens. Osmanische Häuser. Steile Straßen. Viel Kopfsteinpflaster. Radikale Veränderungen blieben hier aus, denn die Kommunisten hatten Gjirokastër zur Museumsstadt erklärt.

Wir gehen zum höchsten Punk, zur Burg, und schauen über das kilometerweite Tal und zu gegenüberliegenden Bergen. Und: auf die hellen steinernen Dächer dieser faszinierenden Stadt. Die Griechen nennen sie treffend Argyrókastro („Silberburg“).

Tag 7. Von Gjirokastër nach Butrint und ans Meer. Am Morgen holt uns ein Kleinbus am Hotel ab und bringt uns auf den Muzina-Pass. Wir sparen uns somit den beschwerlicheren Teil auf dem Weg nach Butrint.

Die berühmte, von antiken Autoren besungene Ruinenstadt, ist unser heutiges Zwischenziel. Wir laufen bei sengender Hitze durch das UNESCO-Weltkulturerbe mit seinen erstaunlich gut erhaltenen Bauten. Sie zeugen vom einstigen Reichtum und der Macht auf dieser Halbinsel am Vivar-Kanal.

Nach der Besichtigung laben uns uns an schmackhaften Meeresfrüchten und radeln noch ein paar Höhenmetern nach Sarandë. Gleich nach der Ankunft erfrischen wir uns innerlich (Schmutzbier) und äußerlich: das Ionische Meer ruft! (70 km).

Tag 8. Küstenetappe Sarande – Himare. Eine permanente Bergauf-bergab-Fahrt am Meer. Großartige Aussichten, darunter auf die Bucht von Palermo mit einer alten Festung, die Anfang des 19. Jahrunderts von Tepedelenli Ali Pascha errichten worden sein soll, und einem ehemaligen U-Boot-Bunker aus den 50er Jahren… So hätte es noch ein paar Stunden weitergehen können, allerdings sind wir bereits nach 52 Kilometern und 1340 Höhenmetern am Ziel, dem Strand von Himare.

Beim Schwimmen im Meer ruhen wir uns aus für die morgige Königsetappe.

Tag 9. Von Himare nach Vlore. Das wird hammerhart! Der Llogara Pass auf 1027 Metern ist seit Tagen Gesprächsthema in der Gruppe. Das Frühstück zieht sich ewig hin, und es wird immer heißer. 35 Grad Hitze sind angekündigt, und da sollte man möglichst früh starten.

Bereits kurz nach nach Aufbruch gibt’s eine 19-Prozent-Steigung! Wir pusten und schwitzen uns durch beschauliche Ortschaften, ehe es hinauf zum Pass geht. Kein Wölkchen, kaum ein schattenspendendes Bäumchen. Wassertechnisch habe ich mich total verkalkuliert. Der Begleitbus mit den Vorräten ist weit hinten uns, solange kann und will ich nicht warten.

Meine Rettung ist eine Imkerfamilie, die mir zweimal meine Flasche in ihrem Wohnwagen auffüllt. Dann trete ich wieder in die Pedalen und schraube mich weiter auf den baumlosen Serpentinen nach oben. Hitze und Schweiß. Jeder kämpft für sich alleine. Die Aussichten sind grandios, doch meine Gedanken drehen sich um den Durst. Inzwischen helfe ich mir mit Bonbons aus, während tief unter mir das Ionische Meer glitzert und der Pass immer näher rückt. Dann, endlich, eine Aussichtsplattform mit einem Verkaufsstand. Die Rettung! Zwei Cola geben mir Kraft für die letzten Meter. Namik ist schon vor mir angekommen. Er ist ein Wunder – die Hitze hat ihm offenbar nichts ausgemacht.

Für mich persönlich war diese letzte sportliche Herausforderung der krönende Abschluss einer herausragenden Reise. Das Land der Skipetaren, es ist mir sehr ans Herz gewachsen! Mit seinen Menschen, der wunderschönen Landschaft und dem guten Essen.

Nach dem Pass fahren wir noch eine lange Abfahrt nach Vlore. (ca. 60km)

2 Gedanken zu “Durch das Land der Skipetaren

  1. Gertrud Markja

    Hallo Thilo,
    ein toller Bericht mit ebensolchen Fotos.
    Schön, dass Dir Namiks Heimat so gut gefallen hat.
    Liebe Grüße Trude

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