In den Highlands

Blick vom Dach Großbritanniens, dem Ben Nevis

Raue Schönheit, wechselhaftes Klima. Winde und Stürme, die mich fast umhauen. Kurz darauf weht kein einziges Lüftchen, und Sonne strahlt auf den Wanderer. Tief unter mir liegt ein grün umrahmtes Gewässer, „Loch“ genannt, das sich durch eine Hügellandschaft frisst.

Unvergessliche Bilder vom West Highland Way (WHW)! Von einer Reise, die anders verlief  als geplant. Schließlich kam ich dann doch am Ben Nevis, dem höchsten Gipfel Großbritanniens, an und erkundete von hier aus das umliegende Bergland.

Von Milngavie nach Drymen

Ich will auf dem West Highland Way wandern, die kompletten 152 Kilometer (95 Miles) nach Fort William, und starte in Milngavie, einem Vorort von Glasgow. In der Fußgängerzone beginnt der beliebte Fernwanderweg, der Obelisk am Fluss Allander Water ist nicht zu übersehen. Das Wegzeichen, das mich von nun an begleitet, stellt die schottische Distel dar.

Sie führt mich zuerst durch den Mugdock Wood, ein sumpfiges Waldgebiet. Über fruchtbares Farmland gelange ich gemütlich durch die teils erstaunliche Formen annehmende Hügellandschaft der nördlichen Lowlands. Ich treffe lustiges Wandervolk in Schottenröcken. Wir grüßen uns fröhlich. Das Leben ist schön!

In Gartness stehe ich auf einer Brücke.

Das Wasser, das kleine Fälle hinunterstürzt, hat die Farbe von Whiskey. - Ja, ich mag dieses Land!

Meine Augen erfreuen sich auch an traditionellen Landhäusern. Nach insgesamt 19 Kilometern treffe ich in Drymen ein, meinem Tagesziel.

Auf einem sehr überschaubaren Campingplatz an einer Farm schlage ich mein Zelt auf. Die Rezeption ist unbesetzt. Gratis-Camping und warme Dusche – perfekt!

Zum Essen ins „Zentrum“ von Drymen. Es besteht aus einer Post, einem Supermarkt, einem Hotel und immerhin zwei Kneipen… Meine Wahl fällt auf „The Clachan“. Ziemlich urig, nicht schlecht! Ich bestelle die Tagessuppe, einen Burger und ein großes Ale.

Von Drymen nach Balmaha

Am frühen Morgen ist es noch sehr frisch. In der Nacht hatte es geregnet, und ich will mein Zelt trockenwischen. Da passiert es: ein stechender Schmerz im unteren Rücken! Ich schaffe es wieder nach oben – der Schmerz aber bleibt. Auch die nächsten Stunden…

Es ist erst sieben Uhr, als ich losmarschiere. Die Galloway-Rinder auf der Wiese sind auch schon wach. Sie kauen vergnügt. Später begegnen mir Schafe und wilde Camper. Letztere erwachen nur langsam an mehreren Stellen des Weges.

Vor dem Conic Hill werde ich vor die Wahl gestellt: auf Feldwegen um den Berg herum, nahe am Wasser des Loch Lomond; oder: die längere Strecke über den Gipfel.

Ich entscheide mich für die bessere Aussicht – und werde nicht enttäuscht! Als er plötzlich vor Augen liegt, der größte Süßwassersee Großbritanniens mit seinen Inseln, ist das ein sehr erhebendes Gefühl. Noch nie einen schöneren See gesehen!

Freude und Leid liegen oft dicht beieinander, und so meldet sich just in diesem Moment der angeknackste Rücken zurück. Der Kampf mit inzwischen bleischwerem Rucksack gegen den Wind auf dem baum- und strauchfreien Conic Hill war wohl doch zu heftig.

Deshalb nehme ich, in Balmaha eingetroffen, nun den Bus –  zuerst nach Glasgow, dann weiter nach Fort William. Von dort aus will ich ab morgen das umliegende Hochland erkunden.

Ankunft in Fort William

… am Ufer des Loch Linnhe. Kaum 6.000 Einwohner, größte Stadt der westlichen schottischen Highlands – und doch nicht ausnehmend, eher ziemlich überschaubar. Ein paar Häuser in der Natur, zwischen nackten Bergen und kalten Wassern.

Hier bin ich also. Wo ich frühestens in einer Woche sein wollte.

Dieser Tage steht ein Bikerfestival an, eine Bleibe ist nicht leicht zu finden. Nun ja, ich bin nicht wählerisch. Brauche nur ein Dach überm Kopf, und das finde ich.

„The Ossians“ liegt direkt in der Einkaufsstraße. Ich beziehe ein preiswertes Zimmer, dabei ist der Blick aus meinem Fenster (Foto rechts) ist ja eigentlich unbezahlbar…!

Dun Deardail Walk

Rund um Fort William. Tag 1. Ich erkunde die Umgebung zuerst auf dem West Highland Way. Nur am anderen Ende der 152 Kilometer…

Ein Schild zeigt zum Braveheart Car Park. Ja, richtig gelesen! Der hat etwas mit dem Film „Braveheart“ zu tun. Mel Gibson kämpfte hier als William Wallace um Schottlands Unabhängigkeit.

Dun Deardail Fort
Etwas rutschig, aber man versinkt nicht: Holzplanken führen hinauf zum Gipfel

Durch einen Wald (Nevis Forest) komme ich zum Dun Deardail Fort. Soll mal eine Festung gewesen sein. Geblieben ist nur die irre Aussicht von dem 350 Meter hohen Hügel.

Auf dem Great Glen Way

Tag 2. Der Great Glen Way beginnt (oder endet) in Inverness und verläuft parallel zum Kaledonischen Kanal, entlang der Seen Loch Ness, Loch Oich und Loch Lochy. Auch diesen Weg wollte ich mal marschiert sein.

Vom Parkplatz Morrisons, durch ein Waldstück und über eine Wiese zur Soldiers Bridge. Im Blickfeld: die Ruinen des Inverlochy Castles aus dem 13. Jahrhundert und der Ben Nevis.

Am letzten Zipfel des Loch Linnhe vorbei und zum „Caledonien Canal“. Ein kleiner Hafen mit Schiffen, die zum Loch Ness, den Okney- oder den Shettland-Inseln reisen.

An der Schleuse Neptune’s Staircase (größte Schleusentreppe Großbritanniens, wirklich imposant!) stößt meine Nase an ein Häuschen, das – leider – nur so aussieht wie ein Pub. Dafür gibt’s Teddys und Eis (wer will denn sowas?!). Ein warmer Ofen und süffiges Bier wären mir lieber gewesen!

An der nächsten Brücke, dem Shengain Aqueduct, mache ich mich total durchnässt auf den Rückweg.

Auf dem Cow Hill (287 m)

 

Tag 3. Durch einen Wald, den Nevis Forest, und ins baumfreie Hochland.  Fort William und Loch Linnhe breiten sich unter mir aus. Wunderbar, prächtig…! Nun ist es nicht mehr weit zur Spitze am Funkturm.

Der Cow Hill misst zwar nur 287 Meter Höhe, ist jedoch – von unten betrachtet – durchaus ein Berg, denn Fort William liegt ja nur knapp überm Meeresspiegel.

Inverlochy Castle und Ben-Nevis-Whiskey

Tag 4. Erneut spannende Orte, die ich heute erkunde! Die Ruinen des Inverlochy Castle aus dem 13. Jahrhundert und die Ben Nevis Distillery. Der Whiskey genießt einen hervorragenden Ruf. Nicht zu unrecht, wie ich bestätigen kann.

Auf einem Golfplatz hole ich mir nasse Füße, die ich später wieder trockne: im wanderfreundlichen Café im Skizentrum „Nevis Range„. Endlich mal ein warmer Ofen!

Nach einer behaglichen Pause lass ich mich in Großbritanniens einziger Gebirgsgondel auf 650 Meter Höhe bringen. Dann schleppen mich meine Füße in 20 Minuten zum Aussichtspunkt Sgurr Finniosgaig (663 Meter). In der Ferne: ein imposantes Highland- und Loch-Panorama!

Nach unten gegondelt, gönne ich mir den Bus zurück nach Fort William.

Lochan Lún Da-Bhra (Rundweg)

Tag 5. Lochan Lún Da-Bhra ist ein malerischer Ort (Foto links), etwas über 12 km von meinem Hotel entfernt. Saftig-grünes Hochland umgibt den See, über den sich Wolken ziehen.

Eigentlich ist dieser Flecken Erde zu zauberhaft, um gleich wieder umzudrehen; doch eine längere Pause im Dauerregen ist nicht nach meinem Geschmack. Und so verweile ich nur kurz auf einem großen Stein. In der Ferne erspähe ich Wanderer auf dem West Highland Way.

Den schlage ich auf meinem Rückweg ein, auf einer schmalen Spur und über sanfte Erhebungen. Dann geht’s steiler in einem Wald empor… Ohne schweres Gepäck ist alles leicht.

Irgendwann mündet der West Highland Way in einer breiten Schotterstraße, doch ich finde einen hübschen, benachbarten Pfad, der auf den Dun Deadail Walk führt. Bei aufklarendem Himmel schaue ich auf die Stadt. – Phantastisch!

Auf dem Ben Nevis (1345 Meter)

Tag 6. Am Morgen liegt das Wasser ruhig auf dem Loch Linnhe. Absolute Windstille. Kaum Wolken. Mit anderen Worten: bestes Ben-Nevis-Wetter!

Am Visitor Center, kurz vorm Ende des West Highland Ways, über eine Brücke am River Nevis. Auf einem gut gepflegten Steig bis zur Schneegrenze an einem Bergsee, wo ich die Wahl habe: lieber zum North East Face (611 Meter) des Ben Nevis auszuweichen, oder doch ganz hinauf… ja, ich bleibe dabei!

Nach dem Loch wird die Wanderung etwas mühseliger, einige verschneite Kehren sind zu überwinden. Das weite Plateau bis zum Gipfel ist von einer beachtlichen Schneedecke überzogen.

Dann – endlich – ganz oben! Auf dem Dach Großbritanniens. Um mich herum: eine betörende Bergwelt und, in der Ferne, das Meer.

Der Abstieg ist viel leichter zu bewältigen. Nach insgesamt sieben Stunden komme ich wieder an der Brücke an.

Water of Nevis (Waterfall)

Siebter und letzter Tag in Fort William. Nach der gestrigen Aktivität will ich es heute etwas ruhiger angehen lassen.

Ich nehme den Bus (41) zur Haltestelle Lower Falls am Örtchen Achriabhach, um am River Nevis zu wandern. Der anfangs zahme Fluss wird wilder und bricht sich zwischen ansehnlichen Felsbrocken seinen Weg.

In einem Wald übersteige ich einige Bäche, die zum River Nevis hinabfallen, und gelange später in einem Tal in einen Irrgarten aus Trampelpfaden. Immer in Flußnähe , dringe ich zu einigen Ruinen (Steall) vor und noch ein Stück weiter…

Auf einer Anhöhe gönne ich mir ein Sonnenbad. Die Karte verrät: Hier geht’s weiter auf vielversprechenden Wanderwegen. – Ja, beim nächsten Mal in den Highlands!

 

P.S. Ich hatte diese Tour (meine erste als Backpacker) bereits im Mai 2009 durchgeführt und veröffentliche meine Erlebnisse hiermit erneut, leicht bearbeitet und etwas gekürzt.

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