Stubaier Höhenweg mit Wintereinbruch

Am Peiljoch
Am Peiljoch

Der Stubaier Höhenweg gilt als einer der schönsten Höhenwanderwege der Alpen. Der Bergwanderer hat rund 8000 Höhenmeter auf einer Länge von ca. 100 km zu bewältigen, und zwar ausschließlich im alpinen und hochalpinen Gelände. Bricht der Winter ein wie im Juli, als ich mit Astrid und Torsten unterwegs war, dann wird das Unterfangen zu einer ganz besonderen Herausforderung.
Aus meinem Wandertagebuch.

Von Fulpmes nehmen wir die Seilbahn zum Kreuzjoch (2100 m). Damit sparen wir uns den langen Aufstieg (1000-Höhenmeter) nach unserer achtstündigen Anreise aus Berlin. Oben regnet es.  Unser Weg führt uns nah an den Hohen-Burgstall-Gipfel (2611 m), den ersten Alpen-Gipfel, den Sir Edmund Hillary als Training für den Mount Everest bezwang.

Wo auch immer die Wolken sich öffnen, sehen wir die Wunderwelt der Berge. Und plötzlich ist da ein phantastischer  Regenbogen! Kurze Zeit später poltert‘s über uns. Den Steinschlag warten wir kurz ab und erreichen wohlbehalten die Starkenburger Hütte. Das neue, lichtdurchflutete Lager bietet viel Platz für den Wanderer.

Mountainbiker an den Kalkkögeln
Mountainbiker an den Kalkkögeln

Nach einer ruhigen Nach präsentieren sich Zuckerhütl (3507 m), Habicht (3277 m) und Wilder Freiger (3418 m) majestätisch im Morgenlicht. Ein sonniger Tag beginnt mit dem Aufstieg zum Seejochl (2518 m), teils im angenehmen Schatten. Es geht an den Kalkkögeln entlang, die an die Dolomiten erinnern.

Starkenburger Hütte, dahinter Habicht  (3277 m)
Starkenburger Hütte, dahinter Habicht (3277 m)

Oben auf dem Seejochl liegt noch Schnee; es pfeift ein kalter Wind. Wir verweilen deshalb nicht lange und wandern auf einem abwechslungsreichen Pfad, teils seilversichert, zur urigen Seducker Hochalm, die nur im kurzen Sommer geöffnet ist. Bei kühlen Getränken plaudern wir mit dem Wirt.

Überquerung der Viller Grube. Das Gelände ist an einigen Stellen etwas abschüssig, aber insgesamt gut zu bewältigen. Nach insgesamt ca. 7 Stunden haben wir die Franz-Senn-Hütte erreicht, die bereits lange in der Ferne zu sehen war, traumhaft am Alpeiner Bach und umgeben von hohen Bergen gelegen. An einem schattigen Plätzchen auf der Terrasse machen wir‘s uns gemütlich.

Stahlseilversicherte Stelle, Franz-Senn-Weg
Stahlseilversicherte Stelle, Franz-Senn-Weg

Die Nacht wird dann weniger behaglich. Wir haben die „Box 5″ zugewiesen bekommen, neben uns lagern Teilnehmer eines Ausbildungskurses, von denen mancher nicht schlafen kann und mehrfach sein Equipment kontrollieren muss. In solchen Fällen helfen mir meine Kopfhörer – und alles ist gut.

Am Morgen hat sich der Himmel zugezogen, der am Abend noch voller Sonne war. Bin ja gespannt, ob wir trocken in der Neuen Regensburger ankommen…!

Über Platten und Bäche und später über steile Schneefelder zum Schrimmennieder (2714 m). Oben auf dem Pass sind wir guter Dinge. Der Regen ist noch weit, und so nehmen wir den nahen Gipfel mit Aussicht, die Basslerin (Basslerjoch, 2829 m) gerne mit. Der Aufstieg ist nicht schwer. Ein wenig Schneegestampfe auf einem schmalen Grat.

Schneefeld am Schrimmennieder
Schneefeld am Schrimmennieder
Aufstieg Basslerin
Aufstieg Basslerin

Der Wind pfeift uns heftig um die Ohren. Die Sicht wird von Meter zu Meter besser. Ein herrlicher Rundumblick auf ferne Gipfel und tief hinab ins Stubaital. Unser Tagesziel ist bereits zu sehen.

Beim Schrimmennieder-Abstieg sind wir in der ständigen Erwartung, dass es gleich zu prasseln beginnt. Keine zehn Minuten vor der Hütte ist es dann soweit: Der Himmel entlädt sich in Sekundenschnelle. Die Rucksackkondome rauszuholen hat keinen Zweck mehr.

Dieser erste Regenschauer war nur der Vorbote für das Disaster der nächsten Tage. Es wird kalt und ungemütlich. Hoffentlich bleiben die angekündigten Gewitter aus! Minuten später beruhigt sich das Wetter. Denkste! Nach dem Duschen spazieren wir in Badelatschen zum Badesee – und eilen schnell zurück. Der etwa zwei Minuten entfernten „Badesee“ auf ca. 2.250 m Höhe – welch skurriler Ort. Ein unbemanntes Ruderboot wird vom Wind auf dem Wasser getrieben.

Neue Regensburger Hütte
Neue Regensburger Hütte

Das Bergsteigeressen ist richtig lecker: eine hervorragend gewürzte Linsensuppe und anschließend Nudeln mit Pilzen. Torsten schmeißt noch ’ne Runde Kaiserschmarrn, worauf ich mich mit Heuschnaps revanchiere.

In der Nacht treibt mich der Wetterwandel aus dem Bett. Ich steige die knarrenden Stufen hinab, der Wind pfeift durch sämtliche Fenster und Ritzen. Eine gespenstische Stimmung. Laut ausgehängtem Bericht, sind gegen Mittag heftige Gewitter zu erwarten, und das scheint zu stimmen. Nach dem Frühstück die endgültige Entscheidung: Wir nehmen nicht den anspruchsvollen Originalweg über den Grawagrubennieder (2881 m; große Schneefelder). Auch der Wirt rät dringend davon ab. Einzig ein junges schweizerisches Pärchen lässt sich nicht beirren und will es wagen.

Während unseres Abstieges zur Ochsenalm (noch bleibt es trocken) blicken wir immer wieder zurück auf die Hütte, die hoch überm Wasserfall thront. Ein Postkartenmotiv.

Weiter geht’s nun durch Wald nach Falbeson. 1000 Höhenmeter in ca. 2.45 Stunden. Nun tröpfelt es.

Mit dem Bus zur Mutterberalm und von dort die Seilbahn zur Dresdner Hütte. Wobei „Hütte“ eine ziemliche Untertreibung ist für das Objekt, das auf den Eintretenden eher wir ein Vier-Sterne-Hotel anmutet. Restaurant, Duschen und Toiletten gehören rein optisch schon mal zum gehobenen DAV-Angebot. Absolutes Top-Niveau. Unsere „Matratzenlager“ besteht aus gerade einmal drei Doppelstockbetten und verfügt über ein eigenes Waschbecken.

Das Pärchen aus der Schweiz, das im Regen und Schnee den Weg über den Grawagrubennieder stieg, ist auch angekommen. Das angekündigte Gewitter war zum Glück ausgeblieben, aber besonders glücklich sehen die Beiden nicht aus. Siehe: Es lohnt sich, auf die Hüttenwirte zu hören.

Wir sitzen am wärmenden Kamin und später im Fernsehraum, dem Stiegel Stübel, um den inzwischen legendären 7:1 Sieg von Jogis Buben gegen die Brasilianer zu erleben. (Na, hab ich das nicht gut eingefädelt, dass wir ausgerechnet an diesem Tag in der Dresdner Hütte mit TV übernachten…?!)

Peiljoch (2672m)
Peiljoch (2672m)

Am Morgen Schneeregen. Klar, mit dieser Option muss man im Gebirge rechnen. Über den Großen Trögler (2902 m) wäre nun zu gefährlich. Wir wählen die einfachere Variante über das Preiljoch (2672 m), Aufstieg teils mit einer Seilversicherung an rutschigem Gestein. Weiter oben waten wir durch etwa 20 cm Neuschnee. Zeit für die Gamaschen. Ein Pärchen ist vorangegangen und hat den Weg frisch gespurt. Cool, so muss ich nicht nachdenken!

Auf dem Pass erwartet uns ein Hauch von Nepal – mit Fähnchen und Türmchen. Eine zauberhafte Welt, ganz in Weiß getaucht. Irgendwie surreal.

Wenig später kommen wir am Sulzenau-Gletcher vorbei, und bereits nach 3,5 Stunden ist unser heutiges Tagesziel erreicht: die Sulzenau-Hütte. Von unserem Vorhaben, am Nachmittag ohne schweres Gepäck zum Aussichtspunkt Hundsheim (2822 m) zu wandern, rücken wir mit Blick aus dem Fenster ab: Man sieht GAR NIX.

Am Sulzenauferner
Am Sulzenauferner

Damit bleibt uns Zeit für ein Mittagsschläfchen, sind ja schließlich im Urlaub. Den Rest des Tages verbringen wir mit Speis, Trank und Kartenspielen. Das sind auch schöne Aktivitäten.

Nach einer langen Nacht mit ausreichend Schlaf brechen wir bereits um 6 Uhr auf. Temperaturen am Gefrierpunkt. Wir haben eine Doppeletappe zu absolvieren, und bei diesen Wetterverhältnissen planen wir lieber etwas mehr Zeit ein.

Das Jausenbrot schmeckt auch im Nieselregen. (Vielleicht sogar viel besser. – In der Hütte frühstücken, das kann ja jeder!)

Hoch zum Niederl (2680 m) geht’s über ein steiles Schneefeld, auf der anderen Seite an einer vereisten Kette wieder hinab.
Bereits um 9 Uhr ist die Nürnberge Hütte erreicht. Wir sind schneller als die Polizei erlaubt. Die Küche hat frischen Apfelstrudel für uns. Ein Stündchen Pause sei uns gegönnt.

Abstieg zum Langtalbach
Abstieg zum Langtalbach

Weiter geht‘s über Platten und runter zum rauschenden Langtalbach, der dem Grüblferner entspringt. Eine leichtgewichtige Engländerin warnt uns, sie sei bis zur Hüfte im Schneefeld eingebrochen. Die Brücke, die über den Bach führen soll, liegt auf der anderen Seite, und die aktuellen Überführungen aus weißem Niederschlag zeigen an vielen Stellen gewaltige Löcher. Da wir kein Risiko eingehen wollen und über genügend Zeit verfügen, steigen wir lieber Richtung Gletscher auf und überqueren den Bach, wo er besonders zahm und schneefrei ist. Das kostet uns zwar eine Stunde, aber keine nassen Hintern (oder Schlimmeres).

Schneefeld überm Langtalbach
Schneefeld überm Langtalbach

Immer wieder müssen wir die Regenjacken an- und ausziehen. Bestimmt 20 mal. Zwischen den Schauern zeigt sich zuweilen kurz die Sonne und offenbart uns, was der Nebel ansonsten verbarg. Teils mit Hilfe von Ketten, bewältigen wir ein munteres Auf und Ab zur Bremer Hütte. Höchster Punkt: das Zollhaus (2754 m) am Simmingjöchl. Leider ohne Aussicht und heute ein wirklich unwirtlicher, feuchtkalter Ort.

Die Bremer Hütte verdient besonders hervorgehoben zu werden. Urgemütlich. Eine super-entspannte, freundliche Wirtsfamilie. Eine ausgezeichnete Küche, die alle Erwartungen übertrifft. Vorsuppe, dann ein üppiges Salatbuffet (auf 2413 m!) und anschließend je zwei ordentliche Stücken Huhn mit reichlich Reis. Das alles gehört zur Bergsteigerhalbpension – das ist der Hammer!

Die Gästeschar ist auch hier überschaubar, der Wettergott will’s nicht anders. Ein einsamer Wanderer gesellt sich zu uns, der seit sechs Wochen auf dem Zentralalpenweg unterwegs ist. Als „Zirbenschnapskumpel aus Wien“ wird er uns in Erinnerung bleiben.

Am Morgen hält das Mistwetter an. Auf den steilen Passagen, die mit Ketten versichert sind, und auf nassem Plattengelände müssen wir höllisch aufpassen. Grüne Flechten, feucht geworden, wirken wie Schmierseife unter den Füßen.

Abstieg im steilen Schneefeld
Abstieg im steilen Schneefeld

Einige der heutigen Schneefelder sind mehrere 100 Meter lang. Astrid und ich rutschen auf einem besonders steilen aus. Rolle auf den Bauch, Füße und Hände in den Schnee, Hintern nach oben – die Liegestütztechnik war vorher besprochen und funktioniert einwandfrei.

Mal sind Bäche zu überqueren; mal führt der Weg einen schmalen, rutschigen Grashang hinauf; mal muss ein wenig geklettert werden… Summa summarum eine bei Nässe und Kälte höchst anspruchsvolle Etappe. Reinstes Bergsteigervergnügen.

An Ketten und auf feuchtem Gestein
An Ketten und auf feuchtem Gestein

Nach 8,5 Stunden sind wir in der Innsbrucker Hütte. Die Hoffnung, dass wir das Lager für uns haben, erfüllt sich leider nicht. Eine größere Gruppe unangemeldeter Holländer erscheint. Ziemlich harte Jungs und Mädels. Während wir die gute Hüttenküche kennenlernen, kochen sie sich draußen im Regen ihr Süppchen. Hüttenromantik à la Oranje.  Es ist wieder Morgen. Endlich Wetterbesserung! Abstieg zur Karalm und ein super Panorama entlang der Elfergruppe.

Ein Glas frische Milch in der Elferhütte, dann nehmen wir die Bahn nach Neustift und später den Bus. In der Pension Danler in Telfes werden wir wie alte Freunde aufgenommen. Wirtin Heidi ist eine sehr angenehme Gesprächspartnerin und kümmert sich liebevoll um uns. Unser Bier steht selbstverständlich schon kühl. Neben uns Bergsteigern fühlen sich auch Touristen mit großen Koffern sehr wohl. „Ich komme schon seit vielen Jahren“, erzählt ein älterer Herr neben uns auf Heidis Terrasse.

Die Beine nach oben, Blick ins Stubaital und auf die Berge; endlich angekommen sein und wohl umsorgt – was will man mehr? Unsere Zimmer sind großzügig und mit Aussichtsbalkonen ausgestattet. Das Frühstück am nächsten Morgen ist etwas für Genießer: mit schmackhaften regionalen Produkten. – Gerne würd ich noch viel länger bleiben!

Unterwegs bei Mistwetter – einige Tipps
1.) Kleine Gruppe. Auf dem Stubaier Höhenweg hat sich die kleine Gruppe als vorteilhaft erwiesen; denn das Risiko, dass sich jemand verletzt oder aus der Reihe tanzt, steigt mit der Zahl der Teilnehmer und kann leicht zum Abbruch führen.
2.) Gute Vorbereitung. Nach unserem Vortreffen im Mai wusste jeder, mit wem er unterwegs ist; dass also die Chemie stimmen müsste. Über Schwierigkeitsgrade, Anforderungen und die nötige Ausrüstung hatten wir uns hinlänglich ausgetauscht. Jeder von uns war mit geeigneter Funktionskleidung ausgestattet, die am Abend schnell wieder trocken wurde. Warme Mütze, Schal und Handschuhe waren dabei selbstverständlich, da man im Hochgebirge immer mit Wetterumstürzen rechnen muss.
3.) Vergnügt bleiben. Dass man trotz guter Vorbereitung keine schlechte Laune bei permanentem Mistwetter bekommt, dazu tragen Spaß unterwegs und Spiel am Abend bei. Ein kleiner Scherz, der das Schweigen im Nebel unterbricht, wirkt oftmals Wunder. Kurzweil am Abend bieten die Hüttenbibliotheken und Spieleschränke. Weitere Zeit lässt sich mit Tagebuchschreiben und Kartenstudium gut ausfüllen – oder einfach mal mit einem Nickerchen.
Merke: Mistwetter eignet sich hervorragend, das Schlafkonto aufzufüllen!

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Weitere Infos Stubaital, darunter Orte und Touren, auf Bergleben.de

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2 Gedanken zu “Stubaier Höhenweg mit Wintereinbruch

  1. Juliane

    Ich glaube, dass ist nichs für Wanderer mit Höhenangst. Da sind echt gute Bilder dabei und ein toller Artikel ist es sowieso !

    Grüße aus dem Norden Italiens 🙂

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